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Warum wir mit Terroristen verhandeln sollten!



1977.


Deutscher Herbst.


Die Rote Armee Fraktion (RAF) verbreitet Terror und Schrecken.


Politischer Höhepunkt ist die Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine "Landshut".


Bundeskanzler Helmut Schmidt betont während der ganzen Zeit nicht nur einmal, dass man sich von Terroristen nicht erpressen lassen darf. Verhandlungen werden kategorisch ausgeschlossen.


Die Befreiungsaktion der Geiseln im Flugzeug verläuft nach Plan. Der Erfolg gibt Helmut Schmidt recht. Seither gilt die Haltung gegenüber Terroristen weltweit als Standard. Mit Terroristen wird nicht verhandelt! Punkt.


Ist das aber wirklich der richtige Weg? Sollten wir nicht gegebenenfalls doch den Dialog suchen?


Ich mein klar lief die Aktion nach Plan und 86 Geiseln konnten unverletzt befreit werden. Vielleicht hätte man Hans Martin Schleyer aber nicht mit einer Kugel im Kopf im Kofferraum eines Autos gefunden, wenn man doch einen anderen Weg gewählt hätte.


Schauen wir uns dazu erstmal an, was Menschen eigentlich dazu bewegt Waffen in die Hand zu nehmen.



Warum kämpfen Menschen?


Aus purem Hass gegenüber anderen? Weil sie an eine Sache glauben?


Wenn es purer Hass wäre, dann wäre auch zu erwarten, dass sich dieser in Form von Taten äußert. Tut er aber nur selten. Beispielsweise feuern 75 - 85 % der Menschen in Kriegen keine Waffe ab oder zielen absichtlich zu hoch, wenn sie es doch tun.


Das Bild des krassen Soldaten, der alles kurz und klein ballert, ist kein reales, sondern ein fiktives.


Das wussten beispielsweise auch die Befehlshaber der deutschen Armee. Die Reaktion? Panzerschokolade - Crystal Meth. Damit die Soldaten weniger Emotionen zeigen und auch mal den Abzug drücken.


Kämpfen wir dann aber aus dem Glauben an eine Sache? Aus Glauben an ein islamistisches Kalifat? An die nationalsozialistische Ideologie? Nein, auch nicht. 95 % der ehemaligen Nazis haben nach Kriegsende angegeben nicht aus ideologischen Gründen gekämpft zu haben.


Aber an eine Sache haben sie dann doch geglaubt: Kameradschaft. Sie haben mit und für ihre Freunde gekämpft.


Genauso auch die RAF. Ihre Forderung nach der Entführung von Schleyer und des Flugzeugs war keine ideologische. Sie wollten die Freilassung von Kameraden.


Natürlich gibt es Ausnahmen, aber den Wenigsten ging und geht es darum, jemanden zu töten oder für ein bestimmtes Weltbild einzustehen. Die Meisten wollen einfach nur ihre Freunde schützen.



Wie werden die meisten Menschen umgebracht?


Obwohl es den meisten nur um den Schutz geht, sterben trotzdem noch viel zu viele Menschen durch Fremdeinwirkung. Nur wie?


Auf jeden Fall nicht mit bloßen Händen, nicht durch Messer, nichtmal durch Schusswaffen!


Durch Bomben und Granaten.


Im zweiten Weltkrieg sind beispielsweise 75 % der britischen Soldaten über diesen Weg ums Leben gekommen.


Einerseits natürlich, weil damit viele Menschen auf einmal zu Schaden kommen. Aber der Hauptgrund ist die Distanz zwischen demjenigen, der auf den Knopf drückt und dem Opfer.


Du musst der anderen Person nicht in die Augen schauen. Du siehst es nichtmal. Deshalb ist dort auch wenig bis keine Empathie im Spiel, welche dich zögern oder aufhalten würde.


Genau das wird auch beim moralischen Dilemma des Trolley-Problems verdeutlicht (wenn du es nicht kennst, schau es dir gerne zum Beispiel hier an). Umso näher wir dem Opfer sind, desto eher sind wir abgeneigt es zu erbringen. Umso größer die Distanz, desto leichter fällt es uns einem Menschen zu Schaden.



Wie werd' ich eigentlich zum Terroristen?


Jede terroristische Organisation besteht aus Menschen. Demnach ist es nur logisch anzunehmen, dass die Erkenntnisse über das Kriegsverhalten von Menschen auch für solche Organisationen gelten.


Daher wird die Vielzahl von Terroristen mit großer Sicherheit nicht für eine bestimmte Ideologie kämpfen. Sie kämpfen für ihre Brüder und Schwestern. Es geht um die Gemeinschaft, den Zusammenhalt.


Das ist überhaupt erst der Grund, aus dem sich viele junge Menschen solchen Bewegungen anschließen. Ihnen wird das erste Mal so wirklich die Hand gereicht. Sie werden akzeptiert. Sie fühlen sich wohl.


Das gleiche gilt genauso für Mitglieder radikaler Parteien. Niemand wird zum Nazi, weil er Juden hasst, sondern weil er sich vorher in der Gesellschaft allein gefühlt hat und durch die Gruppierung endlich das Gefühl hat irgendwo dazuzugehören. Das Weltbild wird dir erst im Anschluss eingetrichtert.



Was passiert, wenn wir nicht mit Terroristen verhandeln?


Um eins kurz klarzustellen: Wenn ich jetzt verhandeln sage beziehe ich mich nicht nur auf einen spezifischen Angriff, wie den der RAF. Es geht mir grundsätzlich um den Dialog. Davor, währenddessen, danach.


Was passiert, wenn wir keinen Dialog führen, können wir aktuell in Deutschland, in Amerika und an vielen anderen Ecken den Welt wunderbar beobachten. Menschen distanzieren sich voneinander.


Links gegen rechts. Demokraten gegen Republikaner. Sie radikalisieren sich. Sie schaffen größere Grenzen, mehr Unverständnis füreinander, mehr Hass.


Wenn kein Dialog geführt wird, wird die Distanz zwischen zwei Gruppen nur größer. Man wird weniger Bruder und mehr Feind.


Umso weiter man sich distanziert, desto größer wird die Bereitschaft gegen statt füreinander zu handeln.



Wie könnte es besser laufen?


Kolumbien hat über 50 Jahre einen Krieg gegen die Guerilla-Armee FARC geführt, bei welchem mehr als 200.000 Menschen starben.


Nach vielen ergebnislosen Jahren des Kampfes, hat die kolumbianische Regierung einen anderen Weg eingeschlagen.


Statt Kugelhagel gab es Geschenke. Statt Zorn und Hass gab es Offenheit und Freundlichkeit. Statt Distanz wurde auf Nähe gesetzt.


Das Resultat? Innerhalb von wenigen Jahren hat die Hälfte der Guerilla-Kämpfer die Waffen niedergelegt und sind aus den Wäldern gekommen.


Der Grund ist ganz einfach. Durch Nähe merken wir, dass wir viel mehr gemeinsam haben, als uns unterscheidet. Wir sind alles nur Menschen, die sehr ähnliche Bedürfnisse haben. Das gilt für Demokraten, Nazis, Kommunisten, Terroristen, Anarchisten, ...


Ich bin überzeugt, dass Distanz, Grenzen und Mauern nie zu einem friedlichem Zusammenleben führen werden. Viel schlimmer noch: sie sind überhaupt erst der Grund, weshalb wir es nicht tun.


Der Ansatz nicht mit Terroristen zu verhandeln, sich nicht mit Nazis auszutauschen, ist demnach komplett an jeder Logik vorbei. Zumindest wenn das Ziel Friede heißen soll.


Sich abzuschotten und auf Distanz zu gehen ist der einfache Weg. Ein offener Dialog kann Angst machen und ist verdammt anstrengend. Aber dafür der richtige Weg.


Das sieht zum Beispiel auch der ehemalige norwegische Ministerpräsident so. Nach den Anschlägen 2011 in Norwegen ging er nicht auf Distanz und Vergeltung, sondern sagte: „Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“


Und das sollten wir versuchen jeden Tag zu berücksichtigen.



Was kannst du im Alltag tun?


Ein großer Aspekt, mit dem wir immer wieder Distanz schaffen, ist unsere Sprache. Sobald du von "die" und "wir" sprichst, errichtest du bereits Grenzen. Führ' dir daher immer wieder vor Augen, wie du über wen sprichst.


Genauso schwierig sind Verallgemeinerungen. "Die Nazis sind doch alle behindert im Kopf." Nein, sind sie garantiert nicht. Wie gesagt, die wenigsten haben wirklich so ein Weltbild. Die Meisten haben einfach nur die falschen Freunde.


Wenn du jemanden aus einer vermeintlich "feindlichen" Gruppe begegnest, block nicht ab. Geh' in den offenen Dialog. Auch wenn du vielleicht gar keinen Bock darauf hast. Die Gespräche, die wir am wenigsten führen wollen, sind genau die Gespräche, die wir am meisten führen müssen!


Aber im Gespräch sollten wir uns nicht auf unsere Differenzen konzentrieren. Wir sollten versuchen die Perspektive des anderen einzunehmen und von dort aus Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.


Wo auch immer möglich sollten wir Nähe schaffen! Wir sollten Grenzen überwinden. Wir sollten diskutieren.


Und das ist der Grund, weshalb wir auch mit Terroristen verhandeln sollten.



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