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Musik - Koks für die Ohren.



Musik begleitet mich immer und überall - Spotify hat mir erzählt, dass es mich 2020 an allen 365 Tagen im Schnitt 3 Stunden beschallen durfte. Das heißt 1/8 meines Tages hatte tatsächlich eine Hintergrundmusik.


Aber Musik nimmt nicht nur eine Rolle im Hintergrund ein. Sie sitzt nicht nur auf einem Stuhl in der Ecke und hört leise zu. Musik platzt hüftenschwingend durch den Haupteingang, dreht die Lautstärke hoch und tanzt auf dem Tisch vor deiner Nase rum.


Sie bringt uns zum Tanzen, zum Nachdenken, zum Trauern, macht uns Gänsehaut, motiviert uns. In jedem Fall macht sie irgendwas, statt nur stiller Zuschauer zu sein.


Ich find es immer wieder verrückt, was Musik für einen Einfluss nehmen kann. Wie sich innerhalb von Sekunden unsere Laune ändert, wenn das richtige Lied gespielt wird. Ich erlebe es zum Beispiel manchmal, dass ich mich müde und unmotiviert an den Schreibtisch setze. Kopfhörer rein, Musik an - plötzlich sitz' ich im Beat schnipsend da und habe mit einmal komplett vergessen, dass ich eigentlich müde war.


Wie kann das sein? Was macht Musik eigentlich genau mit uns? Aber vor allem, wie können wir die Effekte der Musik gezielt einsetzen?



Was passiert, wenn wir Musik hören?


Im Grunde erstmal nichts anderes als beim ganz normalen Hören.


Schallwellen in verschiedenen Frequenzen erreichen das Ohr, wo sie erst das Trommelfell, dann die Hörschnecke (Cochlea) und dadurch die Haarzellen im Ohr in Bewegung bringen. Die Haarzellen lösen elektrische Signale aus, welche unser Gehirn als Geräusche, Sprache oder eben Musik interpretiert.


Da Musik sehr komplex ist, werden viele verschiedene Gehirnbereiche aktiviert und bei der Verarbeitung eingebunden. Neben den neueren Hirnbereichen des Neocortex, in denen üblicherweise Dinge wie Logik und Sprache verarbeitet werden, wird vor allem auch das limbische System eingebunden. Hier nimmt Musik Einfluss auf Gehirnbereiche, welche unter anderem für Emotionen sowie Lust und Belohnung zuständig sind.


Das Ohr sendet die elektrischen Signale an die entsprechenden Bereiche. Je nach Art der Musik enthalten die Signale unterschiedliche Informationen, welche dann wiederum unterschiedliche Reaktionen in den Gehirnbereichen auslösen. Es werden verschiedene Hormone ausgeschüttet, die unsere Stimmung beeinflussen.


Musik ist deshalb Koks für die Ohren. Zumindest in bestimmten Fällen. Sie wirkt dann nämlich auf exakt die selben Neuronen im Nucleus Accumbens, welche auch von Kokain stimuliert werden und schüttet dabei Dopamin aus.


In anderen Fällen kann sie zum Beispiel für die Ausschüttung von Noradrenalin sorgen, welches Cortisol entgegenwirkt - dem "Stresshormon". Sie kann beta-Endorphine ausschütten, welche für unser Schmerzempfinden zuständig sind. Und letztlich kann Musik Oxytocin ausschütten, welches die sozialen Bindungen zwischen Menschen beeinflusst.


Lange Rede, kurzer Sinn: Musik kann für Hormon- oder Endorphionausschüttungen sorgen, welche unsere Emotionen und Stimmungen beeinflussen.



Worauf hat Musik alles Einfluss?


Hormone hin, Endorphine her - wozu führt das denn nun im Detail?


Der Einfluss von Musik kann in 4 Bereiche unterteilt werden.

  1. Motivation, Belohnung und Freude (Dopamin)

  2. Stress und Erregung (Cortisol)

  3. Empfindlichkeit (beta-Endorphin)

  4. Soziale Zugehörigkeit (Oxytocin)

Musik macht dabei nicht grundsätzlich alles besser. Der Effekt kann in beide Richtungen zeigen. Die Freude kann steigen oder sinken. Der Stress-Level kann erhöht oder herunter gesetzt werden. In welche Richtung der Effekt zeigt, wird von der Art der Musik beeinflusst. Dazu kommen wir gleich nochmal genauer.


Vorher schauen wir ein paar typische Beispiele aus den einzelnen Bereichen an


Es zeigt sich beispielsweise, dass die richtige Musik zu einer gesteigerten Sportperformance führen kann. Durch die Ausschüttung von Dopamin wird hierbei deine Motivation gesteigert, welches sich wiederum in sportlichen Ergebnissen widerspiegeln kann. Der Sport fühlt sich dabei für den Sportler weniger anstrengend an.


Außerdem kann Dopamin zu einer besseren Lernfähigkeit führen, da es in diesem Fall das Belohnungszentrum positiv beeinflusst.


Im zweiten Bereich kann Musik bei der Reduzierung von täglichen Stress helfen. Dein Cortisol-Level wird so reguliert, dass du dich weniger gestresst fühlst. Hierdurch sinkt auch die Wahrscheinlichkeit mit Stress verwandten Krankheiten, wie Burnout, Probleme zu bekommen.


Gleichzeitig kann Musik aber auch zu einer verringerten Lernfähigkeit führen, wenn sie deinen Stress-Level erhöht. Das ist typischerweise bei Musik mit Gesang der Fall.


In Bezug auf die Empfindlichkeit, wird sich vor allem der Einfluss auf die Schmerzempfindlichkeit gerne zunutze gemacht. Musik lässt uns Schmerzen weniger stark wahrnehmen. So sehr, dass wir statt Schmerzmitteln mit Opioiden nur die richtige Musik brauchen. Deshalb wird Musik immer häufiger auch als Heilmethode eingesetzt.


Im letzten Bereich kann Musik zu einer stärkeren Bindung zwischen Menschen führen. Insbesondere bei Mutter-Kind-Beziehungen wurde dies schon häufiger beobachtet. Während der Schwangerschaft fühlt die Mutter zum Beispiel mehr Nähe und eine engere Beziehung zum ungeborenen Kind.


Solltest du dem Embryo also rund um die Uhr Heavy Metal vorspielen, um die Beziehung zu stärken? Vielleicht nicht ganz. Nicht jede Musik, passt zu jedem Effekt.



Ist die Musikrichtung relevant?


Würde ich bei jeder Musikrichtung zum Beat schnipsen? Nein, natürlich nicht. Dazu braucht es überhaupt erstmal einen Beat. Aber mal im Ernst.


Lange Zeit wurde gedacht, dass spezielle Musikrichtungen für bestimmte Sachen besonders gut geeignet sind. Zum Beispiel hörst du manchmal, dass besonders Barock Musik super gut für das Lernen sein soll. Daher kommt auch der sogenannte Mozart-Effekt, nach welchem du quasi nur vom Zuhören klug werden sollst.


Und Barock Musik hat auch einen positiven Einfluss auf deine Lernfähigkeit. Das haben andere Musikrichtungen aber auch. Es zeigt sich, dass ähnliche Musik ähnliche Effekte auf uns hat.


Mit ähnlich ist aber nicht ein bestimmtes Genre, sondern so etwas wie die Geschwindigkeit oder der Rhythmus gemeint. Solche Variablen sind auch die Ursache dafür, dass der Effekt von Musik mal in die eine und mal in die andere Richtung zeigt - Stress-Level hoch oder runter.


Es ist zum Beispiel relativ unwahrscheinlich, dass dir sehr schnelle, stimmungshebende Musik ein besseres Einschlaferlebnis verschafft. Oder darf es bei dir auch mal 'ne Runde Psytrance als Gute-Nacht-Lied sein?


Probier's gerne mal aus:




Welcher Musikstil hilft wobei?


Welchen Einfluss die Musik auf uns hat, unterscheidet sich vor allem durch das Tempo aus. Das Tempo wird in der Regel in Beats per Minute (bpm) gemessen. Und natürlich gibt es hier eine riesige Bandbreite. Angefangen bei eher langsamer Musik mit 60-70 bpm, bis hin zu ziemlich schneller Musik mit 170-180 bpm.


Um dir mal ein Gefühl für die verschiedenen Geschwindigkeiten abzuholen, hab' ich hier noch eine relativ gute Möglichkeit für dich gefunden:

Und falls du dir mal etwas richtig abgefahrenes anhören und nicht gleich schlafen willst, hör' gerne mal in Splittercore rein - 1000 bpm sprechen für sich.


Um das Ganze etwas zu vereinfachen, teile ich das Tempo mal relativ simpel in langsam und schnell ein. Langsam ist etwa alles bis 100 bpm und schnell alles darüber. Die meisten Studien, die es zum Einfluss der Musik gibt, haben so eine genaue Trennung selbst nicht vorgenommen. Von den angesprochenen Musikrichtungen kommt es aber ziemlich gut hin.


Bei langsamer Musik passiert vor allem folgendes: Dein Oxytocin Level steigt, dein Blutdruck und deine Herzfrequenz sinken. Kurz gesagt, du kommst zur Ruhe und dein Stress-Level baut sich ab.


Bei schneller Musik ist genau das Gegenteil zu beobachten. Dein Oxytocin Level sinkt, deine Herzfrequenz steigt, dein Blutdruck auch. Es werden hierbei Signale an dein Kleinhirn gesendet. Das ist der Teil deines Gehirns, welcher hauptsächlich für Bewegung zuständig ist (deshalb lässt sich zu schneller Musik gut tanzen). Anschließend werden weitere Signale an dein Nucleus Accumbens geleitet, welcher deine Emotionen entsprechend der Musik ausrichtet, während es Dopamin ausschüttet.


Na Mensch, wer hätte es gedacht. Schnelle Musik macht uns eher wach, langsame lässt uns entspannen. Wirklich interessant daran ist aber, dass Musik es besser und schneller tut, als würden wir keine Musik hören. Der Wunsch nach einer ständigen Hintergrundmusik ist also vielleicht gar nicht so falsch.


Auf der anderen Seite ist es fraglich, ob wir immer auf äußere Einflüsse zurückgreifen sollten, um uns in die entsprechende Stimmung zu bringen. Wenn du tagsüber Kaffee zum Wachbleiben und abends die Schlaftablette zum Einschlafen benötigst, ist ziemlich sicher irgendwas nicht ganz in Ordnung.


Wenn du für irgendwas immer Musik benötigst, ist das bestimmt nichts anderes.



Was kannst du jetzt beachten?


Musik hat einen nahezu identischen Einfluss auf dich, wie chemische Substanzen. Manche Pillen machen nichts anderes, als bestimmte Hormone auszuschütten.


Das tut Musik genauso. Mit dem Unterschied, dass kein Arzt dir pauschal ein Lied verschreiben kann, welches genau den gewünschten Einfluss auf dich hat. Es hängt sehr von deinen persönlichen Präferenzen und dem, was du gewöhnt bist, ab.


Ich halte es aber für ziemlich wahrscheinlich, dass es bereits möglich sein müsste, dir anhand deiner Spotify Statistiken die richtige Musik zu verschreiben. Vielleicht sehen wir bald Ärzte, die genau das tun werden.


(Falls du zufällig Arzt bist und gerade eine neue Nische suchst - gern geschehen. Ich hoffe meine erste Sitzung ist kostenfrei!)


Als Nachwuchs-Dr. Gabo bekommst du von mir jetzt aber noch 5 Alltags-Rezepte für die häufigsten Situationen:


Motivation: schnelle Musik, gerne auch Gesang, z.B. Pop, Rock oder House


Konzentration: langsame, aber rhythmische Musik, ohne Gesang, z.B. Lo-Fi Beats


Kreativität: abwechslungsreiche Musik, ohne Gesang, z.B. klassische Musik


Entspannung: langsame Musik, wenig rhythmisch, wenig Abwechslung, z.B. Binaural Beats


Schmerzen: jede Art von Musik, Effekt bei deiner Lieblingsmusik aber größer



Musik ist immer gut, um uns in die entsprechende Stimmung zu bringen. Egal, ob du gerade unmotiviert bist, dich konzentrieren musst oder einfach nur entspannen willst. Kopfhörer rein und den Rest übernehmen die Klänge für dich.


Ein letzter Tipp noch: sollte dein Koks mal wieder leer sein, einfach das Lieblingslied anmachen.



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