• gabo

300.000 Jahre Menschheit und kein Stück glücklicher - hier ist warum.


Bist du heute glücklicher als gestern?


Wie sieht's mit letztem Monat oder letztem Jahr aus? Und vor 5, 10, 15, 20 Jahren?


Wenn du nicht gerade eine schwere Lebensphase überwinden musstest, steht die Wahrscheinlichkeit sehr gut, dass du nicht wirklich glücklicher geworden bist. Warum besprechen wir gleich nochmal im Detail.


Aber sicherlich bist du doch viel glücklicher als deine Vorfahren. Ich mein du sitzt im Warmen, hast fließendes Wasser, einen vollen Kühlschrank, kannst die Welt bereisen, ständig mit all deinen sozialen Beziehungen im Kontakt sein.


Aber bist du deshalb wirklich glücklicher?


Kann es sein, dass dich der Abbruch deiner Internetverbindung genauso auf die Palme bringt, wie es die abgebrochene Speerspitze bei unseren Vorfahren getan hat?!



Ein Besuch im weißen Raum


Stell dir mal vor du wärst in einem leeren, weißen Raum. Keine Gegenstände, keine anderen Menschen. Nichts. Im Grunde nichtmal ein Boden, Wände, Dach. Keine Zeit, einfach gar nichts.


Wer bist du?


Wir ergeben nur im Kontext von anderen Dingen und Menschen einen Sinn. Das bedeutet aber auch, dass wir unseren eigenen Wert immer relativ zu allem um uns herum bewerten.


Wenn wir über unser wahrgenommenes Glück sprechen, bedeutet das, dass wir unser Glück relativ zu dem eines anderen betrachten. "Bin ich so glücklich wie er/sie?"


Wäre die Pandemie anders verlaufen und du wärst der oder die einzige Überlebende auf der Welt, würde sich diese Frage gar nicht stellen. Du wärst automatisch die glücklichste Person.


Oder auch nicht. Denn als Menschen haben wir als einziges Lebewesen die Fähigkeit den Zeitpunkt zu wechseln. Wir können uns zurück in die Vergangenheit versetzen und uns eine fiktive Zukunft vorstellen.


Typischerweise neigen wir eher dazu in die Zukunft zu schauen und uns dabei mit Menschen zu vergleichen, die mehr haben als wir.



Du bist hier, läufst darüber und bist wieder hier


Frag mal einen Millionär, was er benötigt, um auf einer Glücks-Skala von 1 bis 10 die volle Punktzahl zu erreichen.


Das ist genau das, was Harvard Professor Michael Norton mit über 4000 Millionären gemacht hat. Im Schnitt bräuchten sie etwa 2-3mal von dem, was sie bereits haben. Zwei bis drei Millionen, statt einer. 20-30 Millionen, statt 10.


Oder anders gesagt, sie brauchten noch die nächste Rolex, den dritten Sportwagen oder 30m mehr an ihrer Yacht.


Genau das ist der Aufwärtsvergleich, zudem wir in der Regel neigen. Wir schauen, was Menschen auf der nächst besseren Stufe haben und denken wir brauchen das gleiche. Sobald wir es haben, sind wir dann endlich glücklich.


Und dank deiner super fixen Internetverbindung (vorausgesetzt sie bricht gerade mal nicht ab), hast du auch immer genug Vergleichsobjekte. Egal auf welcher Stufe du dich aktuell befindest.


Das Problem ist, dass wir auf der nächsten Stufe dann leider doch nicht glücklicher sind. Wir haben nämlich die Tendenz nach einem stark positiven Ereignis (die Beförderung, die Hochzeit, die zusätzliche Million) relativ schnell wieder auf unser altes Niveau von Glück zurückzukehren.


Du bist aktuell hier, läufst darüber und bist am Ende doch wieder hier. Hedonistische Tretmühle nennt sich dieses Phänomen.


Da wir schnell merken, dass wir doch nicht so viel glücklicher sind, als wir eigentlich dachten, suchen wir uns wieder ein Vergleichsobjekte auf der nächsten Stufe. Wir laufen wieder darüber und am Ende sind wir wieder, naja, du weißt schon.



Auf dem griechischen Markt wird dir nichts verkauft


Unseren Vorfahren muss es ganz genauso gegangen sein. Wenn es anders gewesen wäre, würden wir jetzt immer noch unter dem Felsvorsprung am Feuer sitzen und Mammuts jagen.


Wären unsere Vorfahren glücklich und zufrieden mit der Situation gewesen, hätte es keinen Grund gegeben sich weiterentwickeln zu wollen. Aber das haben sie! Weil auch sie dachten, dass auf der nächsten Stufe etwas besseres auf sie wartet.


Auf der Agora, dem Marktplatz von Athen, wurden deshalb schon vor knapp 2500 Jahren von den Stoikern Überlegungen angestellt, wie es besser laufen könnte. (Vermutlich waren sie nicht die ersten, aber ihre Überlieferungen sind einfach sehr bekannt.)


Die Idee ist recht simpel. Wenn der Aufwärtsvergleich nichts bringt, dann nehmen wir eben den Abwärtsvergleich. Dazu haben sie zwei Übungen genutzt.


Negative Visualisierung: Sie haben sich erstens vorgestellt, dass Dinge und Menschen aus dem eigenem Leben verschwinden. Also das sie weniger haben, als vorher.


Freiwillige Unannehmlichkeit: Heute würden wir es etwas freier mit "bewusster Verzicht" bezeichnen. Das kennen wir zum Beispiel vom Fasten. Bei der Übung stellst du dir also nicht nur vor weniger zu haben, sondern du hast wirklich weniger.


Die Stoiker haben auf der Agora also nicht versucht dir etwas zu verkaufen, sonder dich dazu zu bewegen weniger zu wollen.



Wären wir mal besser vor dem Feuer sitzen geblieben


Was die Stoiker praktiziert haben sind typische Dankbarkeitsübungen. Statt ein Mehr in der Zukunft zu wollen, haben sie zurück geblickt und sich überlegt, was ein Weniger bedeuten würde.


Solltest du bspw. mal die Erfahrung machen zu Fasten, wirst du schnell merken, wie dankbar du für eine trockene Scheibe Brot sein kannst.


Welche Auswirkungen Dankbarkeit speziell haben kann, wird in großem Maße mit Studien über das Führen von Dankbarkeitstagebüchern untersucht. Lan Chaplin hat beispielsweise nachgewiesen, dass sie Materialismus und den Wunsch mehr zu haben reduzieren. Andere Studien zeigen, dass sie zu weniger negativen und mehr positiven Gefühlen führen.


Kurz: Dankbarkeit macht glücklich.


Das interessante daran ist, du brauchtest dich vor 20, 15, 10, 5 Jahren nicht weiterentwickeln, um glücklicher zu werden. Mit jedem weiteren paar Schuhe, jedem neuen Auto, jeder neuen Erfahrung, jeder neuen Idee, bekommen wir Schuhe, Autos, Erfahrungen und Ideen, aber kein Glück. Du warst und hattest schon immer genug.


Hätten wir das vor 300.000 Jahren schon gewusst und vor allem auch berücksichtigt, würde ich vermutlich nicht auf einem 1000 € teuren Stück Aluminium herum tippen, sondern zufrieden neben dir vor dem Feuer sitzen und dir sagen, wie dankbar ich bin, dass es dich gibt!


Das Geheimnis über das glücklich Sein ist nicht mehr zu wollen, sondern die Fähigkeit zu entwickeln weniger zu genießen.

- Seneca