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Wo du Ideen findest! - Und wo nicht.



Ist dir unter Druck schon mal eine super Idee gekommen?


Angenommen du hast ein konkretes Problem zu lösen oder sollst etwas neues entwerfen, hat es dir geholfen gezielt über Lösungen und Möglichkeiten nachzudenken? Das fällt uns meistens ziemlich schwer.


Um dir etwas zu helfen gibt es mittlerweile die tollsten Techniken. Du sitzt mit deinen Kollegen zusammen und ihr versucht kreativ sein. Ihr brainstormt, malt schöne Mindmaps, versucht außerhalb der Box zu denken, setzt euch euren 6 fiktiven Hüte auf oder oder oder. Du kannst die Liste gerne weiter führen.


Natürlich entstehen dabei Ideen. Aber meistens nicht die wirklich guten. Richtig gute Ideen - Moonshots - kommen dir meistens nicht am Schreibtisch, nicht im Meetingraum, im Grunde gar nicht wenn du aktiv drüber nachdenkst.


Ich kenne das all zu gut von mir selbst. Wenn ich hier vor diesen Texten sitze und versuche sie aktiv zu schreiben, fällt es mir sehr schwer ein passendes Titelbild zu entwerfen oder die Einleitung für einen Artikel zu schreiben. Ich starre auf den Laptop, aber es kommt einfach nichts.


Statt farbenfroher, kreativer Ideen, wie oben bei Snoop Dogg, ist da meistens nur ein trister, grauer Nebel. Die Ideen sprudeln einfach nicht so. Und umso doller ich drüber nachdenke, desto dunkler wird es in meinem Kopf.


Typischerweise kommen mir die Ideen dann später. Nämlich immer dann, wenn ich mich eben nicht mehr mit dem Schreiben beschäftige. Ich gehe zum Beispiel spazieren, mache Sport, meditiere, höre einen Podcast, unterhalte mich mit Freunden und KLICK - plötzlich sehe ich die passende Ideen in voller Farbe vor meinen Auge.


Wieso ist das so? Und was kannst du grundsätzlich tun, um deine eigenen Ideen zu fördern?



Falsche Annahme - Ideen entstehen nicht plötzlich.


Wir sollten zunächst eine Sache klären, die vielen nicht unbedingt bewusst sein dürfte - zumindest bei mir war das der Fall.


Für Ideen haben wir viele schöne Namen - Geistesblitz, Eingebung, Einfall, Aha-Erlebnis. Alle diese Wörter zielen auf den einen Moment ab, indem dir die Idee wirklich kommt. Du stehst unter der Dusche und hast plötzlich einen Geistesblitz für die Lösung deines Problems.


Eine Idee ist aber viel größer als das. Eine Idee ist nicht nur ein kurzer Moment. Eine Idee reift und entwickelt sich. Kein Mensch hat im Bruchteil einer Sekunde plötzlich eine komplett neue Eingebung. Er hat sich bereits mit den Themen beschäftigt, hat recherchiert und sich am Schreibtisch den Kopf darüber zerbrochen.


Ohne diese vorangegangen Tätigkeiten, wäre es nie zu dem Aha-Erlebnis gekommen. Graham Wallas hat deshalb ein 4-Phasen-Modell zum kreativen Prozess ausgearbeitet.

Vorbereitung:

Hier geht es um die Erkennung des Problems. Dir kommen nämlich keine Ideen zu Problemen, die du nicht hast. Das heißt du musst dich irgendwie schon mal mit den Themen beschäftigt haben. Das ist mit der Vorbereitung gemeint.


Inkubationszeit:

Seit Ausbruch der Pandemie dürfte jeder den Begriff im medizinischen Kontext kennen - die Zeit zwischen Ansteckung bis Ausbruch. Bei der Ideenfindung ist es die Zeit zwischen Erkennung des Problems bis zur Entdeckung der Lösung. Die Idee reift, wächst, wird stärker.

Hier kommen auch die Stunden am Schreibtisch ins Spiel. Sie fördern den Prozess und lassen die Idee reifen.


Illumination:

Im Grunde ist das nur ein anderes schönes Wort für Geistesblitz. Die Illumination ist also wirklich der eine Moment, in dem es Klick macht.


Verifikation:

Eine Idee ist nach der Illumination noch nicht abgeschlossen. Manchmal kommen uns auch Geistesblitze, die nicht zur Lösung des eigentlichen Problems beitragen oder die noch nicht zu 100 % funktionieren. Sie bringen vielleicht nur eine Teillösung. Das stellen wir aber nur fest, wenn wir den Weg zurück an den Schreibtisch finden und prüfen, ob die Idee wirklich funktioniert. Genau das passiert bei der Verifikation.


Geschichten, welche Ideen als plötzliche Eingebung von einem Genie darstellen, findest du überall - vor allem in Hollywood. Es hört sich so toll märchenhaft an. Newton fällt der Apfel auf den Kopf und zack hat er die Schwerkraft entdeckt. Bei genauem Hinschauen hat das aber eher wenig mit der Realität. Ideen wachsen und reifen, bis wir von ihnen erleuchtet werden.


Warum findet diese Erleuchtung nun aber so oft unter der Dusche?



Wieso kommen mir Ideen vor allem unter der Dusche?


Was haben Wasser und Dusche mit Ideen zu tun? Rieseln dir die Geistesblitze einfach so Tropfen für Tropfen in den Schädel?


Nicht ganz. Es ist viel mehr, dass du nicht mit der Intention ein spezielles Problem lösen zu wollen in die Dusche steigst. In der Regel wirst du eher, ohne wirklich groß nachzudenken, deinen Kopf einschäumen. Und das ist schon der ganze Trick. Du stellst einfach mal deine rationalen Gedanken aus und lässt dein Gehirn auf der Überholspur arbeiten.


Denn bewusst können wir nur eine relativ kleine Zahl an Informationen verarbeiten - 60 Bits pro Sekunde. Alles andere wird rausgefiltert und nie bewusst von uns wahrgenommen.


Unterbewusst arbeitet unser Gehirn deutlich schneller. 11 Millionen Bits verarbeitet es in jeder Sekunde. Dazu gehören vor allem solche Informationen, welche unsere Organe regulieren (wenn ich Sport mache, fängt mein Herz schneller an zu pumpen). Aber auch alle anderen Informationen werden verarbeitet, insbesondere ungeordnete Daten.


Jede Idee ist vor der Illumination erstmal ungeordnet. Da liegen zwei oder mehr Informationen irgendwo in deinem Kopf. Neuronen, welche bislang keine Verbindung miteinander haben. Bei der Illumination feuern die Neuronen dann das erste Mal gemeinsam und stellen eine Verknüpfung her. Die ungeordneten Informationen werden geordnet.


Und das passiert natürlich umso leichter, desto mehr Informationen verarbeitet werden können. Nämlich immer dann, wenn du nicht bewusst über eine Problemstellung nachdenkst. Da wir heutzutage wenige Momente in unseren Alltag einbauen, bei denen wir uns Denkpausen gönnen, ist besonders die Dusche ein Ort, an dem viele Informationen verarbeitet und Ideen entstehen können.


Lass' uns jetzt nochmal einen Blick auf Möglichkeiten werfen, wie du die Phasen unterstützen kannst.



Großes Netzwerk und Offenheit


Wenn du wissen willst, wie viele Einwohner Hamburg hat oder der wievielte Präsident Biden in der US-Geschichte ist, wirst du vermutlich Wikipedia fragen. Wikipedia hat sich als die Enzyklopädie etabliert. Bei Google-Suchen ist sie in der Regel immer ganz oben zu finden.


Aber wusstest du, dass Wikipedia zu Beginn prominente Konkurrenz hatte? Encarta hieß Microsofts Versuch auch hier ganz vorne mitzumischen.


Wie kommt es dann, dass Wikipedia, ein Spaß-Projekt von zwei Männern, sich gegen Microsoft Encarta durchsetzen konnte? Microsoft hatte deutlich mehr Know-How, mehr Budget, mehr Einfluss, mehr alles.


Aber Microsoft hatte nur ein begrenztes Level an Know-How und nur eine begrenze Zahl an Mitarbeitern. Wikipedia ist ein Kollaborationsprojekt. Jeder auf der ganzen Welt kann sich beteiligen und sein Wissen zur Verfügung stellen. Dadurch konnte es deutlich schneller wachsen. Encarta hat maximal 65.000 Artikel gezählt, als es abgeschafft wurde. Wikipedia zählt mittlerweile mehr als 50 Mio.


Außerdem musste Encarta zu Beginn gekauft werden. Das heißt die Eintrittsbarrieren zur Nutzung waren höher, wodurch nicht so schnell und viel Feedback zu der Idee eingeholt werden konnte. Wikipedia war hingegen von Beginn an frei über das Internet erreichbar und so für jeden nutzbar.


Gute Ideen profitieren von großen, offenen Netzwerken. In ihnen können Ideen entstehen, wachsen und verifiziert werden. Wenn viele Leute einzelne Puzzlestücke einer Idee mitbringen und diese ohne Barrieren zusammensetzen können, können daraus Lösungen entstehen, auf welche ein einzelner nie gekommen wäre.


Und genau das zeigt sich auch, wenn wir uns anschauen, wo die meisten Ideen entstehen. Je dichter eine Stadt besiedelt ist, desto kreativer ist sie. Umso mehr Menschen auf einem Fleck sind, desto besser, schneller, leichter können Ideen ausgetauscht und weiterentwickelt werden.



(Inkubations-)Zeit


Charles Darwin erzählt in seiner Biografie wie er im Oktober 1838 plötzlich die Erleuchtung zur Evolutionstheorie hatte, als er entspannt am lesen war. Auch Darwin stellt seine revolutionäre Idee wie das eine Aha-Erlebnis dar. Aber bereits Monate vorher findet sich in seinen Tagebüchern im Grunde schon die ganze Theorie. Er hatte nur noch nicht die letzte Verbindung zwischen den einzelnen Gedanken gezogen.


Wir haben schon darüber gesprochen, dass Ideen mehr als das Aha-Erlebnis sind. Zunächst müssen erst die Grundlagen gelegt werden. Dies geschieht aber manchmal bereits Monate und Jahre zuvor, ohne das wir etwas davon mitbekommen.


Steve Jobs erzählt zum Beispiel von dieser einen Typografie Vorlesung in der Uni, welche das ansprechende Design des User Interface des ersten Macs ausgemacht hat. Zwischen Vorlesung und ersten Mac lagen Jahre. Und bei der Vorlesung wusste Steve nichtmal, dass er irgendwann Apple gründen wird.


Ideen reifen also heran, bis sich das letzte Puzzleteil fügt und die Idee seine finale Form annimmt. Umso größer und revolutionärer die Idee, desto mehr Zeit braucht es. Deshalb sollten wir uns genau diese Zeit geben.



Auszeit, Abwechslung


Es klingt kontra-intuitiv Pausen zu machen, um produktiv zu sein. Aber immer dann, wenn wir kreative Lösungen benötigen, tun uns genau diese Auszeiten gut. Mit Auszeiten meine ich nicht auf dem Sofa chillen und nichts tun, sondern Auszeiten von der Aufgabe für die wir Lösungen benötigen. Auszeiten können verschiedene Formen annehmen und die meisten davon sind aktiv.


Eine wirklich sehr gute Methode ist das Spazierengehen. Mit spazieren wird natürlich sofort die Natur und frische Luft assoziiert. Das tut uns gut und ist wichtig, aber das ist gar nicht das ausschlaggebende Argument, wenn es um Ideen und Kreativität geht. Es geht wirklich um das Gehen.


Wir schneiden bei unterschiedlichsten Kreativtests deutlich besser ab, wenn wir gehen. Und dabei ist es egal, ob wir draußen umher gehen oder in einem Raum ohne Fenster auf einem Laufband unterwegs sind.


Ähnlich gut ist es Sport zu machen. Je nachdem welchen Sport du wählst, fördert der Sport nicht immer direkt deine Ideenfindung, aber der Sport macht deinen Körper und somit auch dein Gehirn fit. Dein Körper ist dadurch besser für Anstrengungen vorbereitet. Und die größte Anstrengung ist der Denksport. Unser Gehirn verbraucht allein 20 % unserer gesamten Energie.


Irgendwann benötigt unser Körper aber auch Ruhe. Nur aktive Auszeiten funktioniert nicht. Nur solltest du dir dann auch wirklich Ruhe gönnen und nicht stundenlang vor Netflix rumhängen. Mit Ruhe meine ich Schlaf.


In diesem Artikel habe ich bereits ausführlich die positiven Effekte von Schlaf auf unser Gehirn beschrieben. Aber in Kürze: unser Gehirn räumt sich selbst auf, verarbeitet Informationen und stärkt Synapsen. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich aufzuwachen und auf einmal die zündende Idee zu haben.



Routinen


Laut Stephen King kommt Kreativität nicht einfach vorbei, wenn du sie gerade brauchst. Gute Ideen sind das Ergebnis von regelmäßiger, routinierter Arbeit. Damit wird er vor allem auf die erste Phase, die Vorbereitung, referenzieren. Wenn wir uns täglich mit einem bestimmten Thema beschäftigen, legen wir die Grundlagen. Die Zeit dazwischen dient uns als Inkubationszeit.


Aber Routinen haben noch einen weiteren Effekt. Sie vereinfachen Dinge und nehmen uns Entscheidungen ab, welche uns sonst Energie rauben würden. Dadurch haben wir mehr Energie für unsere Ideen.


Ich habe zum Beispiel noch nie von einem "erfolgreichen" Menschen gelesen, der keine Morgenroutine hatte. Egal ob er Charles Darwin, Steve Jobs oder Stephen King heißt, jeder hat bzw. hatte seine Routine.


Das wichtige ist das kleine Wort seine. Jeder hat seine eigene, ideale Routine. Einfach die Routine von anderen kopieren wird dir vielleicht erstmal helfen, aber nicht exakt zu dir passen. Wie deine Routine genau aussieht, kann dir niemand sagen. Einfach ausprobieren und gucken, ob es passt.



Was heißt das jetzt für dich? Was kannst du tun?


Egal, welches Problem und welche halbfertigen Lösungen du hast, teil sie mit anderen. Nur wenn du darüber sprichst, liefert dir eventuell jemand das letzte, fehlende Puzzlestück. Wenn du aus Angst deine Idee könnte geklaut werden, Barrieren baust und die Ideen zurückhältst, wird deine Idee eventuell ein weiteres Microsoft Encarta. Kollaborationen und Offenheit fördern gute Ideen. Geheimnisse und Barrieren schränken sie ein.


Ansonsten kannst du dir deine eigene Routine schaffen, um regelmäßig und gezielt an deinen Themen zu arbeiten. Welches dein Thema ist, ist ganz egal. Ob Selbstständiger oder Angestellter, Künstler oder Ingenieur, kreative Lösungen zu Problemen wirst du immer brauchen. Eine Routine hilft dir die Grundlagen dafür zu schaffen.


Aber lass in deiner Routine auch Platz für Auszeiten, in denen dein Gehirn unbewusst die Informationen verarbeiten kann. Wie deine Auszeit genau aussieht, ist ganz dir überlassen. Sport, Spazieren und Schlafen sind nur ein paar Beispiele.


Ansonsten solltest du nicht unter Druck versuchen eine Idee zu erzwingen. Das ist wie bei einer Diskussion. Oftmals kommen dir die wirklich guten Antworten nicht währenddessen, nicht unter Druck, sondern erst später, nach einiger Zeit. Genauso ist es auch mit Ideen. Sie kommen dir nicht am Schreibtisch, während du dich mit genau dieser Sache beschäftigst, sondern sie brauchen Zeit um zu reifen.


Wenn du also wirklich gute Ideen finden möchtest, hör' auf sie zu suchen.


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