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Warum uns Home-Office krank macht - vom Entzug bis zum Tod.



Mit der Corona-Pandemie ist für die meisten Menschen zum Standard geworden, wofür viele vorher auf die Knie gefallen wären - Home-Office.


Geil!


Mehr Freiheiten, mehr Zeit. Kein nerviges Pendeln, keine überfüllten Bahnen. Wir können uns dadurch aussuchen, von wo wir arbeiten. Müssen nicht mehr in der 30 qm Wohnung in der Innenstadt leben, sondern können auf dem Land für den halben Preis die doppelte Größe bekommen. Wir können Digitale Nomaden sein, wenn wir wollen.


In meinem Artikel 13 Dinge, die sich seit Corona verbessert haben, habe ich genau das besonders hervorgehoben.


Neben den persönlichen Vorteilen scheinen auch einige Unternehmen davon zu profitieren. Spotify hat beispielsweise vor ein paar Wochen bekanntgegeben, dass die knapp 7000 Mitarbeiter auch nach der Pandemie weiterhin arbeiten dürfen, von wo sie wollen.


Die Gründe liegen auf der Hand. Unternehmen sparen teure Mieten, Mitarbeiter verlieren durch physische Raumwechsel keine Zeit mehr, sondern können einfach ins nächste Zoom-Meeting hüpfen, Reisekosten entfallen, ...


Scheinbar spricht sehr vieles dafür, dass auch andere Unternehmen dem Vorbild von Spotify folgen sollten.


Aber nur scheinbar! Nachdem ich mich mit dem Thema nochmal intensiver beschäftigt habe, bin ich mir nämlich nicht mehr sicher, ob ich diese Punkte weiterhin als Verbesserungen durch Corona einordnen würde. Genauer gesagt bin ich mir ziemlich sicher, dass ich Quatscht erzählt habe. Sorry!


Probieren wir es eben nochmal. Ich erzähl dir, warum ich nun denke, dass langfristiges Home-Office eine ganz beschissene Idee ist! Ich bin überzeugt wir sollten auf keinen Fall digitale Nomaden werden.



Bitte 150km Abstand halten


Noch vor gar nicht all zu langer Zeit, war es ziemlich normal mit vielen Menschen im gleichen Haus zu wohnen. Kinder, Mama, Papa, Oma, Opa haben alle unter ein Dach gepasst. Die Anzahl der Kinder war nebenbei auch noch deutlich höher als heutzutage.


Im Vergleich dazu hat nun jede Generation seine eigenen vier Wände und wohnt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr im gleichen Ort. Stattdessen wohnen wir in irgendwelchen Großstädten mit tausenden oder Millionen anderen Menschen, kennen aber nichtmal unsere Nachbarn.


Wir haben uns in den letzten 100 Jahren immer weiter voneinander distanziert. Wir halten nicht erst seit Corona Abstand und vor allem nicht nur 1,5m, sondern eher 150km.


Die Distanz schaffen wir aber nicht nur räumlich, sondern vor allem auch zwischenmenschlich. Wir haben zwar 1000 Connections auf Social Media, aber immer weniger gute, reale Freunde.


In Amerika lag 1985 die Anzahl der Personen, an die sich ein durchschnittlicher Mensch in einer schweren Krise wenden konnte bei fünf. Fünf enge Beziehungen, denen man sich anvertraut hat. Wie hoch ist diese Zahl heutzutage? Die häufigste Antwortet lautet Null! Die meisten Menschen haben niemanden mehr, dem sie sich anvertrauen können oder möchten.



Distanz ist keine Strecke, sondern eine Krankheit


In seinem Buch "Lost Connections" beantwortet Johan Hari vor allem eine Frage: Wieso sind oder werden Menschen depressiv?.


Für die Antwort hat er sich auf eine 10-jährige Suche begeben. Seine Ergebnis: es sind fehlende Beziehungen, die uns krank machen. Natürlich nicht irgendwelche - davon haben wir definitiv mehr als genug. Er spricht von engen, bedeutsamen Beziehungen.


Oftmals werden weltweit steigende psychische Erkrankung- und Suizidraten mit relativ neuen Entwicklungen in Verbindung gebracht. Ganz vorne dabei wird zum Beispiel Social Media immer wieder genannt. Ständige Selbstprofilierung, minimales Selbstwertgefühl, Algorithmen, welche negativen Content bevorzugen, da er uns länger Klicken lässt.


Ganz bestimmt tragen diese Punkte zu den Entwicklungen bei. Aber sie schaffen vor allem mehr Distanz. Wir brauchen uns nicht mehr treffen, weil wir FaceTimen können. Und wenn wir uns dann doch mal treffen sind wir nur 50 % anwesend. Die anderen 50 % gehören dem nächsten Vibrieren, welches wir neben uns antizipieren.


Wir schaffen in den letzten Jahrzehnten immer mehr Möglichkeiten, Technologien, Lebensräume und Infrastrukturen, mit denen wir uns noch weiter voneinander distanzieren können. Umso mehr wir das tun, desto wahrscheinlicher werden wir mentale Probleme davon tragen. Laut Sozialforscher und Neurowissenschaftler John Cacioppo deutet alles darauf hin, dass soziale Isolation zu mehr Krankheiten und höherer Sterblichkeit führt.


Distanz ist keine Strecke, sondern eine Krankheit.



Lasst uns wieder die gesündeste Droge der Welt nehmen


Wie und mit wem verbringen wir denn nun aber wirklich unsere Zeit? Ich hab dazu ein paar interessante Grafiken aus dem Jahr 2019 gefunden. Sie stammen zwar aus einer amerikanischen Studie, ich vermute sie werden aber in Deutschland und anderen westlichen Ländern sehr ähnlich ausfallen, da sie bedingt durch unseren westlichen Lebensstil sind.


- Darstellung: Steven Bartlett.



Je älter wir werden, desto weniger Zeit verbringen wir mit Freunden und Familie, sondern allein. Der einzige Graph, der in der Mitte unseres Lebens ansteigt, betrifft die Zeit, welche wir mit unseren Kollegen verbringen.


Natürlich haben wir nicht mit allen Kollegen gute, enge Beziehungen. Aber vielleicht mit einigen. Genau mit diesen Kollegen verbringen wir im Home-Office weniger Zeit, nämlich gar keine. Kein gemeinsames Mittagessen, keine Kaffeepause, keine Feierabendgespräche.


Arbeiten müssen wir aber trotzdem und sitzen nun allein zu Hause vor dem Laptop. Durch Home-Office lassen wir daher auch noch den letzten Graphen weiter abflachen. Wir schaffen erneut mehr Distanz. Wir schaffen die nächste Möglichkeit, die uns mental krank werden lässt.


Heißt das, dass wir Home-Office eigentlich komplett verbieten sollten? Nein, natürlich nicht! Es bietet trotzdem viele Vorteile - kein Pendeln, mehr Freiheiten, flexiblere Zeitgestaltung. Und im Idealfall fördert es sogar auch die Zeit, die wir mit Familie und Freunden verbringen.


Viel mehr sollten wir uns bewusst sein, wozu diese Entwicklungen führen können. Die Home-Office Regelung sollte ein Kann, aber kein Muss sein! Wir sollten uns auch im Home-Office die Zeit nehmen (dürfen!) auf persönlicher Ebene mit unseren Kollegen zu interagieren. Es sollte weiterhin die Möglichkeit bestehen im Büro zu arbeiten und vor allem sollten wir uns hin und wieder dort mal treffen!


Soziale Kontakte sind für uns die gesündeste Droge, von der wir durch Corona schon viel zu lange auf Entzug waren. Wir sollten die nächsten Jahre nicht freiwillig so weiter machen.




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