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Decision Fatigue - entscheide dich.



Lass uns einen fiktiven Einkauf im Supermarkt machen.


Stell dir dazu vor, dass dir auf dem Nachhauseweg spontan einfällt, dass du noch einkaufen musst. Du kommst beim Supermarkt an, schnappst dir einen Einkaufswagen und los gehts.


Zunächst gehst du durch die Obst- und Gemüseabteilung.


Nochmal kurz überlegen, was habe ich noch alles zu Hause? Bananen? Ich glaube schon. Was wollte ich die nächsten Tage eigentlich nochmal alles essen? Brauche ich Tomaten? Ja, definitiv. Und Zwiebeln? Weiß ich nicht genau, aber lieber mal einpacken.


Nachdem du hier alles eingepackt hast, geht es weiter durch die Frischeabteilung. Das gleiche Spiel wiederholt sich. Bei jedem Artikel überlegst du kurz, ob du ihn brauchst oder nicht. Mit jedem Schritt durch die Regalreihen triffst du weitere 23 kleine Entscheidungen.


Plötzlich meldet sich dein Magen und fängt an zu grummeln. Er hätte jetzt ganz gerne mal etwas zu essen. Deshalb packst du noch schnell hiervon und davon was ein. An der Kasse sind dann zum Glück noch die einzelnen Riegel platziert, damit du dich jetzt sofort noch schnell stärken kannst.


Zu Hause angekommen packst du den Einkauf aus und fragst dich, wer zum Teufel eigentlich den ganzen Kram eingepackt hat. Die eine Hälfte brauchst du gar nicht und die andere Hälfte hast du bereits im Kühlschrank. Shit! Erschöpft schnappst du dir deinen Riegel und lässt dich erstmal auf's Sofa fallen.


Lass uns jetzt nochmal ein paar Zeilen zurückspulen. Wir machen den Einkauf nochmal. Nur haben wir jetzt einen Einkaufszettel dabei. Statt tausend einzelner Entscheidungen, geht es eigentlich nur zack, zack, zack. Du packst zu Hause nur Sachen aus, die du brauchst, bist in der Hälfte der Zeit mit dem Einkauf fertig und fühlst dich auch nur halb so fertig.


Viele Entscheidungen fällen zu müssen, macht uns müde. So müde, dass wir danach vermeintlich schlechtere oder unüberlegte Entscheidungen treffen. Nicht umsonst stehen die Schokoriegel erst ganz am Ende des Supermarkts und nicht bereits beim Eingang.


Was hat es mit dieser Müdigkeit nun aber genau auf sich? Welche Auswirkungen hat es auf dich und wie kannst du dich dagegen schützen?


Kleiner Spoiler: Steve Jobs hatte zum Beispiel nicht ohne Grund jeden Tag das gleiche Outfit an.



Was ist Decision Fatigue?


Entscheidungsmüdigkeit, bzw. Decision Fatigue, ist eine hohe emotionale und mentale Belastung, die durch viele Entscheidungen auftritt. Sie ist eine Form der Ego-Depletion (Selbsterschöpfung). Die Idee hierbei ist, dass du deine Fähigkeit zur Selbstkontrolle verlierst, wenn du erschöpft bist.


Das kennst du zum Beispiel, wenn du sehr hungrig bist und deshalb unruhig und kratzig wirst. Du sagst plötzlich Dinge, die du gesättigt so vielleicht nicht gesagt hättest ("I'm sorry for what I said, when I was hangry.").


Ego-Depletion und Decision Fatigue sind wissenschaftlich noch umstritten. Das Problem ist, dass es einer spezifischen Definition fehlt, welche quantifiziert und getestet werden kann. Es ist unklar, ob bereits eine einzelne Entscheidung dazu führt, dass eine direkt darauf folgende Entscheidung weniger gut getroffen wird.


Dies scheint zusätzlich auch von der Erwartungshaltung des einzelnen Menschen abzuhängen. In einigen Kulturen (z.B. der indischen) wird davon ausgegangen, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle steigt, umso mehr sich ein Menschen kontrolliert. Das bedeutet die Menschen denken, dass jede getroffene Entscheidung dazu führt, die folgende Entscheidung besser zu treffen. Und genau dies kann bei Studien auch gezeigt werden.


Es kann deshalb nicht genau gesagt werden, wann eine Decision Fatigue wirklich eintritt. Jedoch gibt es genug Beobachtungen, die den Effekt zeigen, sobald Menschen über einen längeren Zeitraum keine Pausen machen.


Früher oder später werden wir also definitiv müde und treffen dann auch schlechtere Entscheidungen. Wann das genau ist, kann aktuell aber noch nicht gezeigt werden.



Was passiert, wenn ich Entscheidungen treffe?


Wenn uns viele Entscheidungen müde machen, dann muss es ja einen Grund geben, weshalb die Entscheidung Energie raubt. Bei meiner Recherche wollte ich deshalb zunächst mal verstehen, was bei einer Entscheidung genau im Gehirn geschieht.


Die Frage ist wohl aber etwas groß gefasst oder zu naiv formuliert. Die erste Antwort, die ich online dazu gefunden habe, war "das ist als ob man fragen würde, was im Körper geschieht während man lebt."


Naja, vermutlich eine ganze Menge. Einige wissenschaftliche Artikel später, möchte ich aber trotzdem versuchen dir einen kurzen Einblick zu geben.


Unser Gehirn ist Teil unseres Nervensystems, welches aus vielen einzelnen Zellen besteht, den Neuronen. Alle Neuronen sind über Synapsen mit weiteren Neuronen verbunden. Über die Synapsen werden Informationen ausgetauscht. Dies geschieht entweder mit Hilfe von elektrischen Impulsen oder von chemischen Botenstoffen.


Und die Aussendung von Impulsen und Botenstoffen ist der Teil, der Energie benötigt. Das ist im Grunde wie bei einer Maschine. Wenn du möchtest, dass etwas von einer Stelle zur nächsten kommt, musst du Energie reinstecken.


Für eine einzelne Synapse ist das lächerlich wenig. Da wir aber um die 90 Milliarden Neuronen in unserem Schädel haben, davon ein vielfaches an Synapsen und die Neuronen miteinander bis zu 500-mal die Sekunde kommunizieren, summiert sich das schon irgendwann auf.


Angenommen du musst nun eine Entscheidung treffen, spielen dazu, je nach Art der Entscheidung, verschiedene Bereiche und somit Neuronen zusammen. Bei einer leichten Entscheidung (möchtest du einen Apfel oder eine Birne essen?) werden weniger Neuronen eingebunden. Bei einer sehr komplexen Entscheidung (was möchte ich mit meinem Leben anfangen?) entsprechend mehr.


Umso mehr Bereiche benötigt werden, desto mehr Neuronen und Synapsen werden verwendet und desto mehr Energie kostet eine Entscheidung. Was bislang noch nicht ganz klar ist, ist wie viel Energie uns tatsächlich zur Verfügung steht und wann diese Energie aufgebraucht ist.


Dass das aber irgendwann der Fall ist, dürfte nicht verwunderlich sein. Ich mein, wozu essen, trinken und schlafen wir?!



Was passiert, wenn wir keine Energie mehr haben?


Deine Energie-Level sind irgendwann niedrig. Du wirst müde. Wie geht es dir dann persönlich? Du bist etwas lustlos, einige Dinge fallen schwerer, andere lässt du lieber gleich bleiben. Und genau das passiert. Entweder du meidest eine Entscheidung komplett ("da habe ich jetzt keinen Kopf zu - mach ich morgen") oder du triffst gefährliche, unüberlegte Entscheidungen ("wird schon passen").


Es fällt uns schwerer unsere Grundbedürfnisse zu ignorieren. Die Stimme in deinem Kopf, die dir sagt "ich habe Hunger", "ich bin müde" wird immer lauter. (Mit am schlimmsten ist, wenn sie sagt "fuck habe ich einen Kater, leg dich wieder schlafen".) Es fällt dir schwerer dich auf das Wesentliche zu konzentrieren.


Wenn du mal kompletten Bullshit in deinen Einkaufswagen packst, ist das relativ egal. Es gibt aber sehr wichtige Entscheidungen, welche nicht nur dich betreffen. Was würde wohl passieren, wenn ein Staatsoberhaupt Entscheidungen im Halbschlaf trifft?


Aber solche Dinge passieren. Täglich. Überall.


Zum Beispiel urteilen Richter zu einer höheren Wahrscheinlichkeit für den Angeklagten, wenn sie kurz zuvor Pause hatten und gegessen haben. Umso länger die Pause her ist, desto eher entscheiden sie gegen den Angeklagten.


Ähnliches ist bei Krankenschwestern zu beobachten. Sie machen umso mehr Fehler, desto länger die Pause her ist. Hier mal die falsche Medizin, dort die falsche Menge.


Der Einzelne kann in den meisten Fällen selbst nichts dafür. Arbeitspläne, personelle Engpässe oder andere Herausforderungen lassen einem oft nicht die Möglichkeit entsprechend einzugreifen. Umso wichtiger ist es deshalb aber zu merken, dass du eventuell gerade nicht mehr ganz auf der Höhe bist.



Woran erkenne ich, dass ich müde bin?


Normalerweise daran, dass dir die Augen zu fallen. Aber die Decision Fatigue setzt nicht erst ein, wenn du fast einpennst, sondern schon früher.


Leider gibt es keinen allgemeingültigen Trigger, mit dem du sie immer erkennen kannst. Es gibt aber typische Verhaltensmuster, die regelmäßig beobachtet werden können.

  • Prokrastination - “Mach ich später.”

  • Impulsivität - “Eeny, meeny, miny, moe…”

  • Vermeidung - “Das ist mir gerade alles zu viel.”

  • Unschlüssigkeit - “Im Zweifel sag ich lieber nein.”

Welches Verhalten du tatsächlich an den Tag legst, musst du für dich selbst herausfinden. Versuch dazu mal nach einem langen Tag zu reflektieren, wie du wann mit welchen Entscheidungen umgehst. Oder vielleicht auch nicht umgehst.


Umso häufiger du das tust, desto wahrscheinlicher wird dir der Trigger dann auch aktiv auffallen.



Wie kann ich mit Decision Fatigue im Alltag umgehen?


Was sind die Lehren? Dem Richter einen Schokoriegel andrehen, bevor du dich für deine Straftaten verantwortest? Nur von Krankenschwestern versorgen lassen, die eben Pause hatten?


Nicht ganz. Aber etwas allgemeiner gefasst, kannst du natürlich ein paar mehr Dinge berücksichtigen. Du kannst dabei auf zwei Dinge Einfluss nehmen. Deinen Energiespeicher und deine Entscheidungen.


Damit du deinen Energiespeicher nie komplett entleerst, kannst du regelmäßige Pausen einlegen. Dazu kannst du vereinzelt über den Tag Pausen machen oder vielleicht sogar einen Mittagsschlaf, wenn du Zeit und Lust dazu hast. Ansonsten dürfte es keine Überraschung sein, wenn ich dir sage, dass dich genug Schlaf, gute Ernährung und Sport bei deiner Energieversorgung unterstützen.


Bei deinen Entscheidungen kannst du darauf achten, dass du die wichtigsten Entscheidungen zuerst am Tag triffst. Dann ist von deiner Decision Fatigue zumindest kein Atomkrieg mit Nordkorea mehr betroffen. Im Umkehrschluss solltest du, wenn du müde wirst, keine wichtigen Entscheidungen mehr treffen.


Und last but not least kannst du versuchen die Anzahl deiner Entscheidungen zu reduzieren, indem du unnötige Entscheidungen umgehst. (Was unnötig ist musst du selbst entscheiden.) Dazu kannst du zum Beispiel Gewohnheiten einführen oder Entscheidungen delegieren.


Um nicht jeden Tag entscheiden zu müssen welches Outfit du trägst, könntest du dir deine eigene Art Uniform zulegen. Bei Steve Jobs waren das schwarzer Rolli und Jeans, bei Barack Obama ein grauer oder blauer Anzug mit blauer oder roter Krawatte. Eine einheitliche Garderobe mag für viele vielleicht langweilig sein, für andere aber eine Erleichterung.


Wenn dir eine Entscheidung relativ egal ist oder du der anderen Person besonders vertraust, kannst du die Entscheidung auch gut delegieren. Lass' dir von einen Kollegen einfach irgendwas zu essen mitbestellen, lass' die Bedienung entscheiden, welchen Wein du trinkst, lass' deinen Mitarbeiter entscheiden, welche Strategie am sinnvollsten ist.


Bei einigen Entscheidungen ist es zudem sehr sinnvoll sich im Vorhinein Gedanken über deine Optionen zu machen. Das gilt insbesondere immer dann, wenn du dich in Umgebungen mit super vielen Optionen bewegst.


Ganz einfaches Beispiel: Wenn du neue Klamotten benötigst, überleg dir, was du wirklich brauchst und lass' dich nicht erst vom riesigen Online-Angebot überwältigen. Dadurch filterst du direkt unnötige Optionen heraus. Gleiches gilt natürlich für den Einkauf im Supermarkt.


Du kannst dir aussuchen, wie du deinen Energiehaushalt gestalten möchtest. Einen schnellen und entspannten Einkauf im Supermarkt? Oder komplett gestresst vor der Kasse noch schnell zum Schokoriegel greifen?


Entscheide dich.