• gabo

1 Jahr Meditation - bin ich jetzt Buddha?



Als ich noch ein ganzes Stück naiver war, habe ich Meditation für irgendwas spirituelles von komischen Gurus gehalten. "Pure Zeitverschwendung, brauche ich nicht, bin ich viel zu cool für."


Dann wurde (und wird) ein bewusster Lebensstil immer cooler, akzeptierter und damit verbreiteter in der Gesellschaft. Und somit natürlich auch die Meditation.


Es gibt keinen Podcasts zur Persönlichkeitsentwicklung, der das Thema Meditation noch nicht besprochen hat. Selbst jeder Business-Podcast hat es mittlerweile mindestens mal angerissen. Gleichzeitig sind Meditations-Apps aus dem Boden geschossen und fluten die App Stores.


Jeder fünfte Deutsche hat bereits meditiert oder möchte es demnächst probieren. Und wie das nun mal so ist, hat die Masse eine ziemlich Kraft und mich damit überzeugt meine Vorurteile vielleicht doch nochmal zu überdenken.


So kam es, dass ich irgendwann festgestellt habe, dass Meditation nicht nur eine Modeerscheinung ist. Es kommt viel mehr mit einer geballten Ladung wissenschaftlicher Studien um die Ecke. Die Neurowissenschaft bestätigt mittlerweile das, was buddhistische Mönche seit 3000 Jahren predigen.


Buddha wirst du am Ende des Artikels zwar nicht werden - und ich nehm's mal vorweg, ich bin's auch nicht - aber ich geb' dir einen realistischen Blick auf die Effekte von einem Jahr täglicher Meditation.



Warum sollte ich meditieren?


Wie gesagt die Wissenschaft liefert dir bereits tausend gute Gründe dazu. Hier ein kurzer Ausschnitt. (Wenn du noch mehr willst, einfach googeln.)


Aber! Fast alle Studien beinhalten Meditations-Routinen, welche relativ lange (z.B. 1 Stunde am Tag) und/oder intensiv für ein paar Wochen durchgeführt wurden. Selten findest du etwas, was sich auch mit deinem Alltag verbinden lässt.


Jetzt mal ehrlich, jeden Tag wie der Dalai Lama eine Stunde oder länger meditieren? Da haben die wenigsten von uns Zeit zu. Beziehungsweise wollen wir uns die Zeit nicht nehmen.


Neugierig von den tollen Versprechungen der Wissenschaft, wollte ich es aber trotzdem mal ausprobieren. Nicht mit stundenlangen Meditations-Sessions, sondern mit einer Routine, die sich mit dem Alltag verbinden lässt.



Wie meditiere ich?


Vielleicht wundert dich die Frage, weil du meinst es gibt doch sowieso nur die eine richtige Art zu meditieren. Ich habe das auf jeden Fall mal gedacht. Tatsächlich findest du aber mehr Möglichkeiten, als Olympia Sportarten zählt.


Aktive und Passive. Im Liegen, Sitzen, Stehen und Tanzen. In der Stille, mit Musik oder selbst gesungen. Atemübungen, Visualisierungen oder das Wahrnehmen von Gefühlen.


Was du aber nicht verwechseln beziehungsweise gleichsetzen solltest, ist Meditation und Achtsamkeit. Achtsamkeit bedeutet im Grunde erstmal nur das bewusste Erleben von Situationen, Geschmäckern, Gefühlen etc. Meditation ist hingegen eine gezielte Übung, bei der du bewusst wahrnimmst - in welcher Form auch immer.


Das heißt immer wenn du meditierst, bist du achtsam, aber du kannst dich in Achtsamkeit üben, ohne gezielt zu meditieren.


Anyway. Ich meditiere vermutlich ziemlich genau so, wie du es dir vorstellst - in etwa so wie der kleine Buddha da oben - im Schneidersitz auf dem Boden, Rücken aufrecht an der Wand, Hände auf den Knien. Dabei achte ich meistens auf meine Atmung oder nutze manchmal Visualisierungen.


Zur Unterstützung verwende ich eine der bekannten Meditations-Apps. Am Anfang habe ich vor allem geführte Meditationen gemacht, irgendwann semi-geführte und mittlerweile ertönt am Anfang und am Ende nur noch ein Gong.


So verbringe ich jeden morgen 15min, bevor ich so richtig in den Tag starte.


Um dir jetzt einen Einblick zu geben, welche Auswirkungen das haben kann, bekommst du komplett ungefilterte Passagen aus meinem Tagebuch. Ich nehme dich mit durch mein letztes Jahr der Meditation.



Aus meinem Tagebuch - 365 Tage Meditation.


Nach 45 Tagen:

"Ich werde besser darin mir bei einzelnen Sachen nicht mehr ganz so viel Druck zu machen."


Nach 63 Tagen:

"Ich fühle mich jedes Mal danach gut und habe ein relativ klares Bild vor Augen, was den Tag angeht."


Nach 88 Tagen:

"Allgemein kann ich seit einiger Zeit besser abschalten und mich auf das konzentrieren, was ich in dem Moment tue."


Nach 133 Tagen:

"Wenn etwas doch anders läuft, als geplant, bin ich mittlerweile nicht mehr so gestresst. Ich kann viele Situationen einfach besser akzeptieren. ... Das meditieren tut mir gut!"


Nach 177 Tagen:

"Schaffe es nach Stresssituationen schneller zu entspannen."


Nach 222 Tagen:

"... morgens bei der Meditation. Ich habe dort immer einen kurzen Augenblick, in dem mir entweder neue Ideen kommen oder mir wichtige Dinge für den Tag einfallen."


Nach 250 Tagen:

"Ein Aspekt ist ja nach der Meditation kurz nachzuspüren, wie man sich im Vergleich zum Beginn fühlt. Resultat: definitiv immer besser als vorher! ... Ich kann viel schneller als früher Themen loslassen. Gedanken beschäftigen mich nicht mehr so, wenn ich das nicht möchte."


Nach 255 Tagen:

"... Im Nachhinein hat es mich null Komma null beschäftigt. Ich denke das ist auf jeden Fall der Meditation zuzuschreiben. Die Situation so akzeptieren, wie sie ist und von dort an das Beste daraus machen."


Nach 272 Tagen:

"Heute habe ich in einer Situation bemerkt, dass mich etwas stört. Allein dadurch, dass ich es gemerkt und anschließend beschlossen habe, dass es gar keinen Grund dafür gibt, konnte ich das schlechte Gefühl einfach gehen lassen. Es geht nicht darum Gedanken zu verdrängen, sondern sie zu erkennen, zu würdigen und gehen zu lassen."


Nach 338 Tagen:

"Ich kann mein Stress-Level relativ gut kontrollieren, indem ich die Situation so akzeptiere, wie sie ist."


"Ein anderer positiver Aspekt ist, dass mir in diesen Momenten der Ruhe oftmals sehr gute Ideen kommen. Immer wenn ich mein Bewusstsein zur Ruhe bringe, fühlt es sich so an, als könnte mein Unterbewusstsein endlich seine Stimme zu mir durchbringen, ohne von dem ganzen Scheiß des Bewusstseins übertönt zu werden."


Nach 365 Tagen:

"Ich merke deutlich schneller, wenn ich gedanklich abdrifte und weiß, dass das kein Problem ist, sodass ich ohne große Aufregung wieder zur Ruhe komme. Aber ich drifte immer noch die ganze Zeit ab. Das ist kein Stück besser geworden. Nur, dass ich super viel entspannter damit umgehe. Und ich denke genau das ist auch der Sinn des Ganzen."


"Nachdem ich es jetzt so intensiv kennengelernt habe, verstehe ich nicht mehr so recht, wieso ich vor einiger Zeit noch so eine Ablehnung dagegen hatte, wieso ich es für mystischen Hokus-Pokus für Spirituelle angesehen habe. Es hat einfach mal gar nichts damit zu tun."



Bin ich jetzt Buddha?


Ich glaube die aller aller aller größte Erwartung, von der du dich beim meditieren lösen solltest, ist zu denken, dass du einfach komplett in Stille dasitzt. Die Momente hast du mal, gar keine Frage. Aber nicht lange. Irgendwann driftest du wieder ab. Das geht mir nach einem Jahr so und das geht buddhistischen Mönchen nach 30 Jahren immer noch so.


Als bildliche Erklärung wird häufig vom blauem Himmel gesprochen. Der blaue Himmel ist immer da. Nur manchmal kommen Wolken auf. Aber dann gehen sie auch wieder. Und genauso ist es mit unserer Stille und den Gedanken.


Es geht nicht darum keine Gedanken zu haben, sondern sich daran nicht aufzuhängen, sie einfach wieder gehen zu lassen.


In meinen Augen ist es auch das, woher die ganzen Vorteile beim meditieren stammen. Im Alltag geht es ja auch nicht darum komplett auf Durchzug zu schalten. Du kriegst ständig neue Eindrücke um die Ohren. Gute, schlechte, schöne, traurige, ...


Während der Meditation lernst du Dinge einfach zu akzeptieren, wie sie sind. Anschließend lässt du sie ohne Wertung wieder gehen. Umso mehr du das trainierst, desto besser kannst du es auch bei jeder anderen Situation im Alltag anwenden.


Die Erfahrung habe ich auf jeden Fall gemacht. Ich komme nach Stresssituationen viel schneller wieder zur Ruhe. Ich nehme die Arbeit nicht mehr mit in den Feierabend. Wenn was schief läuft, ist es halt so. Ist passiert, kann ich nicht ändern. Mir fällt es leichter genau das zu akzeptieren.


Ansonsten habe ich eine bessere Selbstwahrnehmung bekommen. Ich merke, wenn meine Gedanken in eine bestimmte Richtung driften, wenn ich negative Gedanken bekomme und kann sie anschließend entsprechend auch wieder in eine andere Richtung lenken.


Neben diesen eher langfristigen Effekten, konnte ich auch genug kurzfristige Vorteile feststellen. Ich gehe immer mit mehr Energie aus der Meditation als ich vorher hatte und fühle mich ready für den Tag. Es fühlt sich dabei nicht wie ein typischer Motivationsschub an, sondern als hätte ich die Energie für den Tag genau da gesammelt, wo sie hin muss.


Last but not least, kommen mir fast alle meiner besten Ideen beim Meditieren. Wenn ich irgendein Problem am Vortag hatte, sehe ich super oft bei der Meditation die Lösung dazu auf meiner Nase rumtanzen. Woran das genau liegt, beschreibe ich übrigens in meinem Artikel zur Ideenfindung.


Und nein, um Buddha zu sein reicht das natürlich nicht ganz. Ich bin aber ganz nah dran ... herauszufinden was Buddha sein überhaupt bedeutet - Nirvana, vollkommene Weisheit, unendliches Mitgefühl. Ich werde weiter recherchieren, versprochen.



Lohnt sich meditieren für dich?


Das darfst du natürlich ganz für dich allein entscheiden. Aber ich bin mir sicher, dass es sich lohnt es zumindest mal auszuprobieren. Falls du noch nie meditiert hast und überlegst, was du aus diesem Artikel hier für dich mitnimmst, dann genau das - probieren lohnt sich.


Wichtig ist nur dich auch wirklich darauf einzulassen. Wenn du (wie ich vor gar nicht all zu langer Zeit) zu cool für's meditieren bist, wird es dir auch nichts geben. Halbherzig meditieren ist wie auf 'ne Party zu gehen und über die Musikrichtung zu jammern. Lass dich drauf ein und schon wird's auf jeden Fall nicht scheiße.


Ansonsten find' ich die Intention, mit der du meditierst, wichtig. Letztens habe ich irgendwo "meditieren, um erfolgreich zu sein" gelesen. Ja, Meditation ist regelmäßiger Bestandteil vieler erfolgreicher Personen. Ja, es hat viele positive Effekte, die positiven Einfluss auf ein erfolgreiches Leben haben können (was auch immer das für dich sein mag).


Aber das wäre so, als würdest du sagen: gesund essen, viel Sport machen, Quality-Time mit Freunden, um erfolgreich zu sein. Stimmt auch alles irgendwo. Nur wenn Erfolg dein höchstes Ziel ist, wirst du bessere Wege finden, als zu meditieren.


Meditation bietet viel mehr einen super Ausgleich zu dem hektischen, egoistischen, kapitalistischen Streben nach Erfolg. Aber das ist nur meine Meinung. Mit welcher Intention du meditierst, ob du es überhaupt ausprobierst oder ob du es für Zeitverschwendung hältst, überlasse ich dir.


Bei mir werden sehr sicher weitere 365 Tage folgen! Vielleicht weiß ich dann auch, was Buddha sein bedeutet.


Namaste


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