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Bauchgefühl - hör mal wer da grummelt!




Angenommen wir befinden uns am Ende des Jahres und Mark Zuckerberg steht gerade auf der Bühne der Anlegerversammlung. Nach den obligatorischen Grußworten, dem Jahresrückblick und den aktuellen Zahlen, präsentiert er die neusten Entscheidungen für die Zukunft.


Er erzählt, dass Facebook eine neue künstliche Intelligenz entwickelt hat, welche viele Tätigkeiten eigenständig übernehmen kann. Deshalb hat er entschieden 25 % aller Mitarbeiter zu entlassen.


Die Anleger sind in voller Aufregung und wollen wissen auf welcher Basis die Entscheidung getroffen wurde. Mark reibt sich einmal über den Bauch und sagt voller Überzeugung "Ich hatte da so ein Bauchgefühl."


Was meinst du passiert wohl mit den Aktienkursen? Vermutlich werden alle denken, dass Mark Zuckerberg komplett verrückt geworden ist. Solche wichtigen Entscheidungen werden doch nicht einfach aus dem Bauch heraus getroffen.


Oder werden sie? Und wenn nicht, sollten sie es vielleicht?


Lass uns einmal versuchen unser grummeln und kribbeln in der Magenkuhle besser einzusortieren und zu schauen, inwiefern es uns bei Entscheidungen helfen kann.



Was ist ein Bauchgefühl und woran erkenne ich es?


So Formulierungen, wie "ich habe da ein ganz schlechtes Gefühl" oder "da bekomme ich Schmetterlinge im Bauch" kennst du ziemlich sicher.


Sie kommen auch nicht von irgendwoher, sondern wir nehmen sämtliche Erfahrungen körperlich wahr. Positive Erfahrungen lösen oft Wärme, Freude, Gänsehaut oder das typische Kribbeln im Bauch aus. Negative Erfahrungen sorgen eher für Kälte, Krämpfe, Druck oder auch Schmerzen.


Diese Reaktionen werden unter anderem als somatische Marker bezeichnet. Es sind körperliche Signale, welche eher unbewusst von unserem Körper aufgenommen werden. Dabei hat unser Körper teils gelernt, teils von Natur aus mitbekommen, wie und mit welchen Gefühlen er auf bestimmte Erfahrungen zu reagieren hat.


Die somatischen Marker helfen uns zu entscheiden, was wir tun müssen, um uns wohl zu fühlen. Ganz vereinfacht gesagt, wenn dir kalt ist und du anfängst zu zittern (somatische Marker) kann das bedeuten, dass du dir vielleicht einen heißen Tee machen oder eine Decke holen solltest. Je nachdem in welchem Kontext das Zittern auftaucht, kann es aber auch bedeuten, dass du einen Beruhigungsschnaps brauchst.


Unser Bauchgefühl ist also nichts, dass allein auf den Bauch beschränkt ist. Es ist viel mehr mit einer Intuition gleichzusetzen, welche alle körperliche Wahrnehmungen nutzt. Ich verwende Bauchgefühl und Intuition übrigens im folgendem synonym, wobei es manchmal auch unterschieden wird.



Wie entsteht ein Bauchgefühl?


Wir haben es eben schon ein wenig angesprochen, aber lass es uns nochmal genauer anschauen.


Du und ich haben im Grunde zwei Systeme, welche uns und unser handeln steuern - System 1 und System 2. Nur zu Info: die Systeme sind nirgends wirklich so zu finden, sondern sollen nur als gedankliche Verdeutlichung dienen.


Unser System 1 ist uralt und in fast allen anderen Tieren ebenfalls zu finden. Es handelt automatisch, schnell und unterbewusst. Ganz typische Beispiele sind, dass sich deine Körpertemperatur beim Schlafen automatisch anpasst oder sich deine Herzfrequenz beim Sport machen erhöht.


System 2 ist im Vergleich sehr neu und nur bei Menschen zu finden. Es handelt bewusst, aber dafür langsam. Es ist für logische Entscheidungen zuständig. Das sind oftmals irgendwelche Pro-Contra-Abwägungen. Ist Alternative 1 oder Alternative 2 besser? Sollte ich eher Salat oder den dicken Burger essen?


Beide Systeme sind nicht eindeutig in deinem Gehirn positioniert und auch in unbedingt strikt voneinander getrennt. Es wird aber davon, dass unser System 1 eher im limbischen System, also unserem alten Teil des Gehirns, anzufinden sein müsste und das System 2 im Neocortex, dem neuen Teil unseres Gehirns.


Wenn ich sage, dass unser System 2 langsam ist, dann meine ich nicht nur ein bisschen langsam, sondern krass langsam! Bewusst können wir nämlich nur 60 Bits pro Sekunde verarbeiten. Wenn du es mit einem Computer vergleichen willst, ist das eher so 1960.


Unser System 1 ist da deutlich besser. Unterbewusst kann unser Gehirn rund 11 Millionen Bits pro Sekunde an Informationen verarbeiten. Von diesen 11 Millionen werden von unserem Gehirn dann nur die relevantesten 60 Bits herausgefiltert, welche es in unser Bewusstsein schaffen. Das heißt nicht, dass die anderen Informationen verloren gehen, sondern sie werden zum Beispiel für die automatischen Reaktionen unseres Körpers genutzt.


Unser Körper trifft also ohne uns Entscheidungen, welche wir nicht wirklich erklären können. Wir spüren sie aber in Form der somatischen Marker dadurch, dass uns warm wird, es kribbelt oder wir einen dumpfen Druck im Körper spüren.



Was ist besser? Intuition oder rationale Entscheidungen?


Ganz ehrlich - die Frage ist ziemlich dumm! Warum soll das eine besser als das andere sein?! Beides hat seine Daseinsberechtigung, weil sie unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen.


Unsere Intuition aus System 1 lässt uns so handeln, dass wir im aktuellen Moment glücklich sind. "Hallo, ich habe Hunger und brauche Energie, damit es mir gut geht." Du weißt intuitiv, was dir genau in diesem Augenblick gut tut. Meistens wirst du es aber gar nicht sofort im Detail erklären können, wieso du genau jetzt mal einen Tee und keinen Kaffee brauchst.


Das System 1 blickt aber leider nicht in die Zukunft. Es möchte jetzt glücklich sein und nicht in einem Jahr. Deshalb trifft es auch Entscheidungen, welche langfristig eher weniger nützlich für dich sind. "Hey, da gibts Schokolade, welche mir jetzt sofort Energie gibt und Glückshormone ausschüttet."


Im Gegensatz dazu steht unser System 2, also die rationalen Entscheidungen. Hier überlegst du, was dich in Zukunft zufrieden macht. "Ja, die Schokolade gibt dir vielleicht jetzt einen kurzen Energieschub, aber der flacht auch sofort wieder ab und die ungesunden Kalorien solltest du dir vielleicht auch lieber sparen." Du wägst also bewusst ab, was dir zukünftig gut tun wird.


Das Problem daran ist, dass unsere intuitiven Entscheidungen oftmals nicht gut angesehen werden. Wir wollen in unserem Handeln konsistent sein und begründen können, wieso wir tun, was wir tun. Nur zu tun, was sich gut anfühlt und was dein Bauch dir sagt, wird als naiv und unreif angesehen.

Deshalb rationalisieren wir unser Bauchgefühl. Umso länger du drüber nachdenkst, desto mehr Argumente fallen dir anschließend ein. Die Argumente waren dir bei der Entscheidung selbst aber gar nicht zwingend bewusst.



Wieso sollte ich auf mein Bauchgefühl hören?


Das Ding ist, wir gehen immer noch sehr häufig davon aus, dass der Mensch ein rational handelndes Wesen ist, dass er immer die Vor- und Nachteile betrachtet und anschließend entscheidet, welche Alternative die beste ist. Das stimmt aber leider nicht - bye bye homo oeconomicus!


Menschen sind nicht immer in der Lage rationale Entscheidungen zu treffen. Wir treffen genauso Entscheidungen, die beim genauen drüber nachdenken gar keinen Sinn ergeben. Tatsächlich treffen wir nicht nur hin und wieder mal eine irrationale Entscheidungen, sondern sie lassen sich sogar vorhersagen.


Wir kaufen zum Beispiel eher einen mittelteuren Fernseher, wenn er im Vergleich zu einem sehr teuren Fernseher angeboten wird, obwohl wir eigentlich den günstigen haben wollten. Studiengänge wie die Wirtschaftspsychologie gibt es nicht nur zum Spaß, sondern um dich gekonnt über's Ohr zu hauen.


In der Wissenschaft sind zudem solche Menschen von Interesse, bei denen durch eine Krankheit oder einen Unfall eine bestimmte Hirnregion beschädigt wurde. An ihnen kann gezeigt werden, was passiert, wenn bestimmte Funktionen nicht mehr vorhanden sind. An mehreren solcher Fälle wurde untersucht, wie Menschen reagieren, die nichts mehr fühlen. Und nur um das kurz zu klären: ohne Gefühl auch kein Bauchgefühl.


Es zeigt sich, dass sie nach wie vor ganz logisch die Vor- und Nachteile abwägen können. Sie verstehen, wieso eine Entscheidung richtiger ist, als die andere. Und trotzdem sind nicht in der Lage diese Entscheidung auch zu treffen. Sie verzetteln sich bei den kleinsten Dingen und entscheiden komischerweise komplett unlogisch.


Das liegt daran, dass sich jede Entscheidung für sie genau gleich anfühlt - nach nichts, Leere! Sie fühlen halt einfach nichts. Sie kriegen kein Feedback von den somatischen Markern.


Das heißt logische Entscheidungen können nicht vom Bauchgefühl getrennt werden!


Logische Entscheidungen werden eben nicht nur auf Grundlage der Informationen getroffen, welche wir bewusst in unserem System 2 zur Verfügung haben. Die riesige Flut an unbewussten Informationen aus unserem System 1 unterstützt und verbessert unsere Entscheidungen. Sie hilft uns komplexe Zusammenhänge zu verstehen.



Wieso sollte ich nicht auf meinen Bauch hören?


Das heißt aber natürlich nicht, dass du blind auf deinen Bauch vertrauen solltest. Nur, weil du eine spontane Eingebung hast, muss diese nicht immer stimmen.


Unsere Gefühle leiten uns gerne mal in die falsche Richtung. Es kommt vor, dass wir bei einem Date den Anflug von Magen-Darm mit Schmetterlingen im Bauch verwechseln können. Unser System 1 interpretiert die Informationen, die es bekommt, leider nicht immer richtig.


Außerdem haben wir bereits festgestellt, dass unser System 1 versucht jetzt und nicht langfristig glücklich zu sein. Deine Intuition plant nicht mehrere Monate voraus. Dadurch sind aber zukünftige Ziele oder auch Beziehungen für den Arsch. Du kannst sie direkt in die Tonne werfen, wenn du nur auf deinen Bauch hörst.


Ein Ziel von mir ist mich gut und gesund zu ernähren. Würde ich aber nur auf meine Intuition hören, würde sie sagen: "Los Gabo, nimm den dicken Burger, die Cola und die Schokolade. Sie gibt dir jetzt sofort ganz viel Energie."


Bei Beziehungen ist es ähnlich problematisch. Solltest du nächste Woche eine Verabredung haben, am entsprechenden Tag aber suuuper viel Stress auf der Arbeit gehabt haben, könnte dir dein Bauch eventuell sagen, dass du keinen Bock hast und zu Hause bleiben solltest. Natürlich kannst du das mal machen. Aber wenn du das regelmäßig machst, werden deine Freunde irgendwann nicht mehr das nötige Verständnis aufbringen.


Okay, was heißt das jetzt? Wann hörst du auf was?



Wann sollte ich auf meinen Bauch hören und wann nicht?


Unser System 1 und 2, unser Bauchgefühl und unsere rationalen Gedanken, sollten genau das tun, was sie beide am besten können.


Unser Bauchgefühl ist gut darin sehr viele verschiedene, chaotische Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Das heißt wenn du unstrukturierte Probleme hast, bei denen du bewusst gar nicht alle Faktoren überblicken kannst, ist deine Intuition ein starker Partner.


Aber du solltest auf dem Gebiet eine Gewisse Expertise haben. In ungewohnten Situationen (Anflug von Magen-Darm vs. Schmetterlinge im Bauch) leitet dich dein Bauchgefühl gerne mal auf die falsche Fährte. Gleichzeitig verschlechtert sich unsere Intuition, wenn wir ängstlich sind. Und das tritt zum Beispiel dann auf, wenn wir keine Experten, also unsicher sind.


Bewusste, logische Entscheidungen sind im Gegensatz dazu vor allem dann besonders geeignet, wenn die Alternativen überschaubar sind und du fast alle Informationen hast. Du kannst dann einfach abwägen, ob A oder B besser ist.



Wie hilft es mir im Alltag?


Angenommen du hast eine wichtige Entscheidung zu treffen, dann kannst du erstmal so vorgehen, wie du es sonst wahrscheinlich auch machen würdest - alle relevante Informationen für die Entscheidung zusammensuchen.


Anschließend würdest du dich vermutlich mit den Informationen auseinandersetzen und gegebenenfalls abwägen, welche Option besser ist. Das kannst du machen, brauchst du aber nicht zwingend. Dein Bauchgefühl braucht keine geordneten Informationen. Es reicht ihm, wenn du dich einfach auskennst und zum Experten wirst. "Das Genie beherrscht das Chaos."


Danach solltest du dir ein wenig Zeit geben, um die Entscheidung reifen zu lassen. Am besten beschäftigst du dich gar nicht zwingend mit der Entscheidung. Dein System 1 verarbeitet die Informationen trotzdem. Und die Antwort kommt in der Regel irgendwann von ganz allein.


Grundsätzlich gilt, umso wichtiger die Entscheidung, desto mehr Zeit solltest du dir geben. Ob etwas wichtig ist, merkst du zum Beispiel daran, wie lange du die Auswirkungen der Entscheidung spürst oder wie viele Menschen davon betroffen sind.


Von fast allen Menschen habe ich bislang gehört, dass ihnen die besten Ideen und Entscheidungsoptionen immer dann kommen, wenn sie nicht bewusst darüber nachdenken. Unter der Dusche, beim Spazierengehen oder beim Sport machen zum Beispiel. Das sind die Momente, in denen du deine rationalen Gedanken zum Schweigen bringst und deinen Bauch besser hörst.


Musst du eine Entscheidung relativ schnell treffen, kannst du abends zum Beispiel eine rationale Entscheidung treffen. Schau dir Pro und Contra an, entscheide dich und leg' dich mit der getroffenen Entscheidung schlafen. Wenn du keine Nacht Zeit hast, mach einen kurzen Spaziergang und lass' die Informationen sacken. Wenn du am nächsten Morgen aufwachst oder zurückkommst, guck einfach mal, wie du dich mit der Entscheidung fühlst. Bauchschmerzen oder Schmetterlinge?


Solltest du Bauchschmerzen haben, ist das ein sehr guter Indikator, dass die Entscheidung nicht die richtige war, auch wenn du gar nicht genau erklären kannst wieso. Ich habe meistens die Erfahrung gemacht, dass ich es bereut habe, wenn ich nicht auf meinen Bauch gehört habe. Aber probier' es gerne selbst aus.


Intuitive Entscheidungen sind niemals naive, voreilige, unüberlegte Schlüsse. Es sind Entscheidungen die gereift sind und viel mehr Informationen verwendet haben, als du es bei rationalen Entscheidungen jemals könntest.


Sollte sich also irgendwann ein Mark Zuckerberg auf die Bühne stellen und mit seinem Bauchgefühl argumentieren, brauchen wir ihn nicht als verrückt abstempeln. Vielleicht sind wir eher verrückt, nicht auf unseren Bauch zu hören.


Hör mal wer da grummelt!


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